Schirmtest (I) – Team 5 Blue

Mein aktueller Schirm, Skywalk Tequila S, kommt langsam in die Jahre, weshalb ich das Projekt „Neuschirm“ gestartet habe. Dazu will ich mehrere andere Schirme aus der Kategorie 1-2 möglichst ausführlich testfliegen. In der Wunschauswahl stehen aktuell unter anderem (Reihenfolge ohne Wertung): Skywalk Tequila 2 und Arriba, Gradient Golden 2 und Montana, Paratech P44, Team 5 Blue. Hauptwünsche gegenüber dem Tequila sind: geringeres Packmaß, geringeres Gewicht, höhere Trim- und Topspeed, noch etwas direkteres Handling.

Als erstes habe ich eine Woche lang den Blue von Team 5 fliegen können. André Haas, der Vertreter von Team 5 in Deutschland, hat mir den Tester freundlicherweise und unkompliziert zur Verfügung gestellt. Hier meine Eindrücke, die ich bewusst im Vergleich zum Tequila beschreibe, weil ich glaube, dass man nur aus dem Vergleich wirklich neue Informationen über einen Schirm gewinnen kann.

Technisches: Der Blue kommt als eher kleines Paket daher. Er wiegt fast 1 kg weniger als der Tequila und ist im Packmaß, ohne weitere Packtricks, rund 25 Prozent kleiner (wobei der Tequila durch viel dickes Mylar an der Eintrittskante auch dick aufträgt). Der Innensack ist profiliert geschnitten und hält den gepackten Schirm so ohne Kompressionsgurt in Form. Der Sack hat an den Seiten Netzgewebe zur besseren Belüftung. Diese Lösung gefällt mir! Gut durchdacht wirken auch weitere Details: Alle Leinenebenen haben eine andere Farbe, sogar die unummantelten Galerieleinen sind entsprechend durchgefärbt. Die einzelnen Ebenen im Tragegurt sind mit den gleichen Farben gekennzeichnet. Über den Bremsgriffen sitzen Wirbel, die ein Verdrehen der Bremsleinen beim Wickeln verhindern. Die Leinen sind sauber abgelängt und vernäht.

Bodenhandling: Schon beim Spiel mit dem Schirm am Boden fallen ein paar typische Eigenschaften auf. Die Leinen sind kürzer als beim Tequila. So steigt der Blue schneller hoch, lässt sich dabei dennoch gut kontrollieren. Einmal über dem Piloten steht die Kappe stabil, reagiert aber schnell auf Gewichts- oder leichte Bremsleinenzüge. Der Haltetest (Schirm im Wind einen Meter über dem Boden stabilisieren) geht leichter von der Hand als mit dem Tequila, vermutlich wegen der leichteren Kappe. Der Blue lässt sich leicht mit kurzem Zug auf den A-Leinen wieder nach oben bringen. Hier sind beim Tequila schon andere Tricks nötig. Subjektive Abstriche zeigt der Blue nur beim Klappertest am Boden. Anders als der Tequila, der die Ohren immer sauber nach hinten schlägt, neigt der Blue zum Verhängen, ich muss die Ohren häufiger an den Stabiloleinen wieder aus den A-Leinen ziehen. Unter realen Flugbedingungen mit simulierten Klappern habe ich dieses Verhalten allerdings nicht erlebt. Dennoch werte ich das als kleines Minus.

Start: Der Blue ist kein Startwunder, aber vollkommen zickenfrei, vorwärts wie rückwärts. Die Aufziehphase lässt sich gut mit kleinen Impulsen korrigieren. Selbst ein Rückwärtsstart bei Nullwind an einem recht flachen Hang gelang problemlos. Im Vergleich zum Tequila fällt die deutlich leichtere Eintrittskante (weniger Mylar) positiv auf. Da reicht schon ein kleinerer Windstoß, um die Zellen zu öffnen. Das schwere Mylar ist übrigens einer der größten Kritikpunkte am Tequila. Gerade an steilen Hängen bei wenig Wind fällt die Vorderkante gerne mal schwer aufs Untersegel und geht von alleine nicht wieder auf. Da ist der Blue deutlich im Vorteil.

Flug: Der Blue liegt gut und kompakt in der Luft. Die Kappe ist etwas härter als der Tequila, was vor allem in den Außenbereichen spürbar wird. Während der Tequila häufiger mal kurz mit den Ohren raschelt und so - wenn man drauf achtet - z.B. die Grenzbereiche einer Thermik markiert, pflügt der Blue als Einheit durch solche kleineren Turbulenzen. Im Trimm ist der Blue laut GPS gut 2 km/h schneller als der Tequila, wobei das - neben der schweren Eintrittskante - den zweiten gewichtigen Nachteil des Skywalks unterstreicht: Der Tequila gehört eindeutig zu den langsamsten Vertretern der 1-2er. Beschleunigt zeigt sich das noch deutlicher. Hier liegt der Blue mit fast 50 kmh schon knapp 5 kmh über dem Tequila.

Auffällig beim Blue ist die hohe Wendigkeit. Zwar lässt sich auch der Tequila “zackig” fliegen, allerdings muss man dafür gut 10 Zentimeter mehr Bremsweg als beim Blue einsetzen, um eng ums Eck zu kommen. Beide Schirme tendieren dann allerdings auch zum Graben. Entsprechend schnell lassen sich freilich Steilspiralen einleiten, beim Blue sogar ein klein bisschen flotter.

Thermikfliegen: Hier offenbaren Blue und Tequila ihre größten Charakterunterschiede. Beide zeigen gut an, was in der Luft los ist, sprechen dabei aber eine andere Sprache. Der Tequila lässt einen die Luftbewegungen hauptsächlich über Druckschwankungen an den Bremsen spüren, zudem werden die Öhrchen etwas unruhig. Am Thermikrand fehlt dem Tequila gelegentlich etwas Biss. Der Blue wiederum bleibt an den Bremsen weitgehend neutral. Die Hauptrückmeldung geht hier über die Tragegurte. Beim Zufliegen auf eine Thermik gibt es gelegentlich einen interessanten Vibrationseffekt. Das ist fast so, als würde die wärmere Luft am Schirm rhythmisch zupfeln, was sich im Hintern anfühlt, als würde man kurz über Kopfsteinpflaster fahren. Erst war ich überrascht, aber die Signale waren stets so deutlich, dass ich diese Sprache schnell verstehen konnte. Zumal das Ruckeln sich stets der einen oder anderen Flügelseite zuordnen ließ. In der Thermik selbst kreist der Blue wie auf Schienen, da sind kaum noch Korrekturen nötig, wenn man einmal die gewünschte Schräglage eingestellt hat. Der Tequila will hier etwas genauer geführt werden, er reagiert direkter auf kleine Strömungsschwankungen. Ich bin während meiner Testphase zu keiner Entscheidung gekommen, welches Verhalten mir letztendlich besser gefällt. Ein Nachteil des Tequila wird beim Thermikfliegen gelegentlich zum Vorteil: die Langsamkeit, die sich dank der Jetflaps extrem ausreizen lässt. So eng und trotzdem flach lässt sich der Blue nicht in die Bärte stellen.

Abstiegshilfen: Der Blue nimmt die Ohren leicht rein und wieder raus. Die Sinkraten dieses Manövers sind allerdings eher mau. Da ist der Tequila etwas im Vorteil. B-Stall können beide, nichts auffälliges. Bei der Steilspirale hat mir der Blue deutlich besser gefallen, weil man die Sinkgeschwindigkeit in einem weitaus größeren Fenster sauber einstellen kann. Der Tequila ist da schon etwas launischer, geht gut rein, aber wenn man dann nur einen Ticken zuviel Außenbremse setzt, geht er auch sehr schnell - ungewollt - wieder raus.

Landung: Hier ist abermals der Blue im Vorteil. Er lässt sich erkennbar besser ausflaren, vielleicht durch die höhere Grundgeschwindigkeit, die einen längeren Energieerhalt ermöglicht. Beim Tequila ist die Landung zwar auch easy, aber das bodennahe sanfte Ausgleiten verlangt etwas mehr Tricks beim Endanflug, um die nötige Geschwindigkeit aufzubauen, zumal die Jetflaps die Strömung auch erst sehr spät sauber abreißen lassen.

Fazit: Ich fliege meinen Tequila sehr gerne. Im direkten Vergleich würde ich aber heute wohl dem Blue den Vorzug geben. Vor allem das niedrigere Gewicht und kleinere Packmaß, die höhere Geschwindigkeit und die direkte, genaue Steuerung haben mir beim Blue gefallen.
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