Schirmtest (II) - Gradient Montana

Mein Skywalk Tequila S kommt langsam in die Jahre, weshalb ich derzeit immer wieder Schirmmodelle probefliege und meine Eindrücke auf lu-glidz vorstelle. In dieser Reihe ist bereits ein Testbericht zum Team 5 Blue erschienen. Nun war ich mit dem Montana von Gradient am Start. Freundlicherweise wurde mir von Turnpoint und dem Parashop Kössen ein Montana Gr. 26 als Testschirm zur Verfügung gestellt. Ich konnte ihn während eines einwöchigen Trips ins spanische Algodonales unter verschiedensten Soaring- und Thermikbedingungen fliegen. Meine Eindrücke schreibe ich im Vergleich zum Tequila und zum Blue, weil man gerade aus dem Vergleich mit anderen wertvolle Informationen über einen Schirm gewinnen kann. (Fotos: Klaus Geitner und Markus Scheid)

Technisches: Der Gradient Montana gilt als Berg- und Leichtschirm und wird dieser Kategorie gerecht. Er wiegt in Gr. 26 knapp über 4 kg. Das sind immerhin 2,5 kg weniger als der Tequila und immer noch 1,5 kg weniger als der Blue. Klein ist auch das Packmaß. Ohne weitere Packtricks und mit der gleichen Falttechnik ist das Volumen gleich um ein Drittel kleiner als beim Tequila und auch noch etwas kleiner als beim Blue. Die Gewichtseinsparung geht nicht zu Lasten der Tuchqualität. Das 40er Tuch von Porcher an der Eintrittskante und 35er im Rest des Flügels macht einen solide verarbeiteten Eindruck und hat sich schon beim Vorgänger des Montana, dem Delite, als alltagstauglich erwiesen. Offensichtlicher wird die Gewichtseinsparung beim Mylar. Im Mittelflügel ist nur jede zweite Zelle in der Profilnase verstärkt. Die Außenflügel kommen ganz ohne die Verstärkung der Eintrittskante aus. Das Start- und Flugverhalten ist dennoch (fast) einwandfrei, zur kleinen Kritik komme ich später.

Gewichtsreduziert – ohne Extreme – kommen auch die Tragegurte daher. Sie sind halb so breit wie Standardgurte, haben schmale Gurtschlösser, machen aber einen vertrauenswürdigen Eindruck. Da es zudem nur drei Leinenebenen gibt (die C-Ebene gabelt sich erst weiter oben auf eine D-Ebene), ist das ganze sehr übersichtlich. Für meinen Geschmack hätte das Gurtmaterial etwas steifer ausfallen können. Die dünnen Bänder verdrehen sich leicht und sind entsprechend „fummeliger“ am Start.
Das gilt erst recht für die Leinen. Zur Gewichtsersparnis und wohl auch für eine bessere Leistung des Schirmes hat Gradient vergleichsweise dünnes und zudem noch in den oberen Bereichen stets unummanteltes Material eingesetzt – selbst an der Bremsspinne. Leider haben diese Leinen die Neigung schnell zu kringeln und sich um alles mögliche zu schlingen, was für sie in „greifbare“ Nähe kommt – ob es nun die Nachbarleinen oder das kleine Stöckchen am Startplatz ist. Dieses Verhalten habe ich als lästig und sogar als Sicherheitsrisiko empfunden! Auf einem alpengrünen Wiesenstartplatz bei wenig Wind ist es sicher kein Problem, solche Leinen ordentlich zu sortieren. Aber auf spanisch-stoppeligen Geländen, an denen häufiger ein kräftiger Wind weht und mit der leichten Kappe auch schon am Boden seine Spielchen treibt, offenbarten die Montana-Leinen einen grässlichen Sammlertrieb. Ich habe in der gesamten Woche keinen einzigen Start gehabt, bei dem ich nicht bei den Vorbereitungen erst einmal ein kleines Knötchen wieder aufziehen oder irgendwelche Wickelfangteilchen aus den Leinen befreien musste, mehrere Startabbrüche in noch unkritischen Phasen inklusive!

Bodenhandling: Schon beim Spiel mit dem Schirm am Boden fallen ein paar typische Eigenschaften auf. Die Leinen sind etwas kürzer als beim Tequila, vergleichbar mit dem Blue. Die Kappe kommt schnell hoch, lässt sich dabei gut kontrollieren und über A und C auch wunderbar und sehr sensibel steuern. Da macht das Spiel mit dem Schirm im Wind viel Spaß. Der Haltetest (Schirm einen Meter über dem Boden stabilisieren) ist einfach, hier merkt man die leichte Kappe. Ein minimaler Zug auf den A-Leinen bringt sie wieder nach oben. Simulierte Klapper am Boden sind unspektakulär.
Auffällig ist, dass man beim Montana unbedingt darauf achten sollte, die Kappe vor dem Start sauber auszulegen. Während der Tequila und der Blue bei etwas Wind durchaus aus einem noch leicht „verknubbelten“ Haufen nach oben gezogen werden können, während sich die Kappe dabei gewissermaßen selbst sortiert, ist der Montana hier etwas empfindlicher. Es dauert länger, bis der Flügel komplett sein flugfähiges Profil angenommen hat. Ich nehme an, dass dies v.a. den fehlenden Mylarprofilen in den Außenflügeln anzulasten ist. Liegt die Kappe sauber aus oder hat man einmal die Profilnase durchgängig gefüllt, ist das Handling einwandfrei.

Start: Bei sauber ausgelegter Kappe ist der Montana ein hervorragender Starter, sowohl bei starkem oder wenig Wind. Die Aufziehphase lässt sich wunderbar mit kleinen Impulsen korrigieren. Hier ist weniger Input gefragt als beim Tequila. Eine Schwäche zeigt der Montana nur, wenn die Kappe nicht schon ganz sauber ausgelegt ist. Hier macht sich das z.T. fehlende Mylarprofil in der Eintrittskante bemerkbar. Der Flügel füllt dann schon mal etwas ungleichmäßig und steigt entsprechend unorthodox. Bei Rückwärtsstarts lässt sich das gut auffangen, aber bei Vorwärtsstarts sollte man stets große Sorgfalt beim Auslegen und Leinensortieren pflegen.

Flug: Hier zeigt der Montana seine Stärken. Einmal in der Luft, ist es der schönste Flügel, mit dem ich bisher umher geflogen bin - auch wenn kleine Kritikpunkte bleiben. Die Kappe hat eine recht weiche Charakteristik, ohne schwammig zu sein. Sie zeichnet die Bewegungen der Luft sensibel nach und gibt gutes Feedback an den Piloten – ähnlich wie der Blue hauptsächlich über die Tragegurte, weniger über die Bremsen (wie ich es vom Tequila kenne). Während der Blue kompakt durch die Luft pflügt, der Tequila gerne mal ein wenig über die Ohren hebelt, gleicht der Montana eher einer Katze, die geschmeidig voran zieht.
Nur bei kleinen, harten Turbulenzen - wie sie in Wirbelschleppen anderer Schirme auftreten – reagiert die Kappe ungewohnt verschreckt. Sie raschelt deutlich, arbeitet in sich stark und neigt dazu, deutlich stärker durchzusacken, als ich es bei Tequila oder Blue erlebt habe. Beim Soaren an einer schmalen Kante im Vergleich zu mehreren anderen Schirmen zeigte der Montana in den Wirbelschleppen eindeutig die empfindlichsten Reaktionen. Ich sehe darin auch wieder eine Folge der Leichtbauweise ohne Mylar in den Außenflügeln.
Alle weiteren Flugerfahrungen fallen durchweg sehr positiv aus. Im Trimm ist der Montana recht flott unterwegs, wie der Blue gut 2 km/h schneller als der Tequila. Der Beschleuniger ist leicht zu treten, die Maximalgeschwindigkeit liegt bei ~48 km/h, wobei die Sinkwerte deutlich zunehmen.
Der Montana ist sehr wendig, etwas mehr noch als der Blue und deutlich wendiger als der Tequila, der freilich auch schon flott ums Eck zu fliegen ist. Allerdings neigen Blue und Tequila dazu, in engen Kurven zu graben. Der Montana taucht da deutlich weniger ab. Mit ein wenig Außenbremse dreht er wunderschön flach. Man kann ihn freilich auch steil stellen, aber eine sehr auffällige Stärke ist tatsächlich das enge, flache Drehen.
Mit ein wenig Gewichtsverlagerung und etwas mehr Bremse geht der Schirm ohne große Mühe in die Steilspirale und lässt sich dort über einen breiten Sinkbereich gut dosieren – weitaus genauer und differenzierter als der Tequila. Ähnlich zeigt sich das Verhalten auch beim Thermikfliegen. Die Kurvenneigung lässt sich sehr fein einstellen, ohne ständig nachkorrigieren zu müssen. Der Blue schafft das ähnlich gut, wobei er nicht so selbstverständlich eng zu drehen ist. Der Tequila verlangt für eine saubere Kurven schon etwas mehr Arbeit und Nachdruck auf der Innenbremse.
Wie schon der Blue, zieht der Montana gut in die Bärte hinein, stellt sich dabei weniger auf als der Tequila. Eine weitere, besonders auffällige Eigenschaft des Montana ist das deutliche Umsetzen von Geschwindigkeit in Höhe. Während man beim Tequila gut enge Kurven fliegen kann, um Höhe abzubauen, hilft das beim Montana nicht viel weiter: Er klettert fast alle durchgesackten Meter gleich wieder in die Höhe. Auch der Blue zeigt dieses Verhalten, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt.

Landung: Hier zeigt der Montana abermals seine Stärke. Er gleitet zum einen sehr gut und lässt sich dann auch noch wunderbar ausflaren - besser noch als der Blue, der mir hier schon gut gefallen hat.

Fazit: Der Montana ist ein toller Flügel! Kleines Packmaß, geringes Gewicht, gute Leistung und graziles Handling in der Luft. Das alles wäre ganz nach meinem Geschmack. Bleibt nur der Wermutstropfen mit den unummantelten, zum Kringeln, Knoten und Verfangen neigenden Leinen. Hier hat Gradient meiner Meinung nach am falschen Ende Gewicht gespart. Zumindest eine in voller Länge ummantelte Bremsleine (weil sie immer ganz auf der Erde und nicht auf dem schützenden Tuch aufliegt) hätte dem Konzept gut getan. Da ich selbst häufiger auch mal von Startplätzen ohne Edel-Bergrasen starte, halte ich den Schirm in diesem, für mich wichtigen Punkt nur für bedingt alltagstauglich. Der Montana fällt damit (leider!!) aus meiner engeren Wahl. (Zugleich streiche ich konsequenterweise auch den leichten Skywalk Arriba aus meinem Wunschtestprogramm. Denn der hat ein ganz ähnliches, mich jetzt nicht mehr überzeugendes Leinenkonzept.)
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1 Kommentare:

f.hochhaus hat gesagt…

Hallo Lucian,

danke für den umfangreichen Testbericht. Deine Beurteilung im Vergleich mit anderen Schirmen hilft sicher die Testergebnisse besser einschätzen zu können.

Interessanterweise habe ich am Wochenende auf der Wasserkuppe einen anderen "Leichtschirm", den neuen U-Turn Alpine Peak (DHV1) zum Groundhandling gehabt.
Mein Entschluß stand relativ schnell fest: Das wird nicht mein Schirm. Die Gurte und Leinen zu filigran. Das Handling bei stärkerem Wind schwierig. Ein Ablegen der Kappe für eine Pause ist nicht ganz einfach; da sie so leicht ist, genügen schon kleinere Böen um sie in die Luft zu wirbeln.

Also ich bleibe erstmal konservativ bei einem "richtigen" Schirm der auch mal einen steinigen Startplatz oder einen Tritt auf die Leinen übersteht.
Insofern kann ich Deine Beurteilung bestätigen.

Gruß
Frank