Angetestet: Gin Atlas

Start des Gin Atlas in Bassano
Hinweis: Unter dem Label "Angetestet" veröffentliche ich keine vollwertigen Tests von Schirmen, sondern nur die Eindrücke, die ein Flügel bei ersten Testflügen bei mir hinterlassen hat. Einige der Urteile können also vorläufiger Natur sein und mit mehr Erfahrung revidiert werden. Dennoch zeigt ein erster Test häufig schon eine Tendenz bei der Einschätzung von Schirmen. In diesem Fall beruht die Beschreibung auf Eindrücken aus 2 Flügen in Bassano. Ich bin den Gin Atlas M (85 - 105 kg) mit ca. 95 kg geflogen, Gurtzeug Woody Valley Peak. Bedingungen: Weite, eher schwache Thermiken, mit eingelagerten engen Steigkernen bis 4m/s. Wind 5-10 kmh.

Vorschusslorbeeren gibt es reichlich für diesen Schirm. Zusammenfassend lauten sie: Ein Mentor-Konkurrent, aber im Low-Level EN-B-Bereich. Mehr Leistung bei gleichem Sicherheitsniveau geht angeblich derzeit nicht. Da sei Gin mit dem Atlas ein außergewöhnliches Schirmchen gelungen, hörte ich sogar von anderen Herstellern anerkennend auf der Thermikmesse. Umso gespannter war ich auf die Erstflüge mit diesem Gerät. Eine Offenbarung?

Eintrittskante mit Doppelstäbchen für
den Haifischnaseneffekt
In jedem Fall wird schnell klar, dass Gin einen hohen baulichen Aufwand betreibt, um in diesem Segment die potentielle Leistungsführerschaft zu übernehmen. Starke Leinenreduktion mit nur noch 3 Leinenebenen und jeweils nur 2 voll ummantelten Stammleinen pro Seite und Ebene, dazu eine spezielle Anlenkung des Stabilos, die es erlaubt, die jeweils äußeren 5 der insgesamt 47 Zellen ohne weitere Abspannung zu tragen. Mini-Ribs in der Abströmkante, 3-D-Shaping - die heute üblichen baulichen Mittel im Leistungsbestreben halt. Dazu als Novum noch eine spezielle Eintrittskantenkonstruktion mit zwei sich kreuzenden soften Nylon-Stäbchen. Das ergibt zum einen eine sehr gut definierte Profilform, zum anderen einen Haifischnaseneffekt, der einen konstanten Innendruck in der Kappe auch bei größeren Anstellwinkelveränderungen garantieren soll. "Equalized Pressure Technology" (EPT) heißt das im Marketingslang von Gin. Trotz eher leichtem Dominico-Tuch kommt die Kappe auf ein Gewicht von knapp 6 kg (Herstellerangabe).

Beim Start gibt es keine Überraschungen (negativ wie positiv). Die Kappe steigt sauber und kontinuierlich, hinterlässt allerdings den Eindruck, kein "Startautomat" zu sein. Der Flügel will auf Druck gehalten werden.

In der Luft fällt als erstes der von Anfang an relativ hohe Bremsdruck auf. Im üblichen Arbeitsbereich steigt er netterweise nicht mehr allzu sehr an. Dennoch geht das Thermikfliegen damit spürbar in die Arme. Selbst wenn der Flügel also leistungsmäßig für große Streckenflüge taugen soll, erfordert er vom Piloten eine ordentliche Fitness. Dies ist übrigens der größte Kritikpunkt, den ich an diesem Flügel habe.

Im Kurvenflug erweist sich der Atlas als angenehm. Er spricht gut auf Gewichtsverlagerung an und hält auch ohne übermäßigen Bremseinsatz die Schräglage bei. Selbst bei der von mir geflogenen eher niedrigen Belastung ist der Flügel nicht träge im Handling. Hier war ich positiv überrascht. Einzig das steile Eindrehen und Nachziehen in engen Steigkernen erfolgt weniger willig. Der Atlas ist weder ein ausgeprägter Flachkurbler noch ein Steigwunder, hält aber gut mit. Er lässt sich im schwachen Steigen gut mit Gewichtsverlagerung nach außen "flach ziehen". Das Profil ist recht pitchstabil, was ein entspanntes Fliegen ermöglicht.

Die größte positive Überraschung ist tatsächlich die Leistung. Der Atlas gleitet sehr gut, und das auch bis in den voll beschleunigten Zustand - zumindest in ruhiger Luft. Für sein Klassensegment sicherlich überragend. Es könnte gut sein, dass er hier mit einem Mentor durchaus mithalten kann. In bewegter Luft traue ich ihm das vom ersten Eindruck her allerdings dann doch nicht voll zu. Das dicke Profil schneidet nicht so scharf durch Turbulenzen. In direkten Vergleichsflügen konnte er mit einem neuen Chili 3 weder im Trimm noch voll beschleunigt gleichziehen. Aber er kommt schon erstaunlich nah ran. Der Beschleuniger ist dabei jedoch recht schwer zu treten. Geschwindigkeitszuwachs rund 9 kmh, bei einem Trimm um 36 kmh.

Sicherheitstechnisch spielt der Atlas ein paar Trümpfe aus. Selbst bei großen Klappern über 50% dreht er ohne Piloteneingriff nur 90 Grad weg und öffnet angenehm sanft ohne zu zögern. Angelegte Ohren öffnen selbständig. Die Steilspirale lässt sich fein dosieren, ohne einen Hang zum digitalen rein-raus. Sehr angenehm.

Das Feedback im Flug ist ausgewogen. Sowohl Bremse als auch Tragegurte liefern ausreichend Informationen über die umgebende Luft. Über den Zustand der mittelharten Kappe wiederum erfährt man als Pilot weniger. Die Öhrchen "winken" des öfteren, ohne dann schreckhaft aufzuschnalzen.

Insgesamt würde ich den Gin Atlas als einen sehr ausgewogenen Flügel beschreiben, der im Klassenvergleich viele Stärken und kaum Schwächen besitzt. Größtes Manko - zumindest für längere Streckenflüge - ist der hohe Bremsdruck.

Der Testflügel wurde von Peter Geg (Oase Flugschule) zur Verfügung gestellt.
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4 Kommentare:

Sepp hat gesagt…

servus,..

zum thema: kein Startautomat. der flügel will auf Druck gehalten werden:


https://www.youtube.com/watch?v=WgJYlcxK-Dg

Lucian Haas hat gesagt…

Hallo Sepp,

schönes Start-Video, das aber meiner Aussage nicht widerspricht.

Wenn ich schreibe: der Flügel will auf Druck gehalten werden, meine ich damit, dass er die ständige Vorwärtsbewegung des Piloten braucht.

Es gibt "Startautomaten", die nach kleinerem Anfangsimpuls fast ohne weitere Energie-Einleitung durch den Piloten nach oben steigen.

Hier macht sich sicherlich auch das 6 kg Kappengewicht des Atlas bemerkbar.

Franz hat gesagt…

@Sepp

Danke für den Link zu einem Video, in dem man mehrere Starts bei verschiedenen Bedingungen sieht und das von einem absolut unabhängigen und in keinerlei Geschäftsbeziehungen zum Hersteller stehenden Vertreter der Szene!

Nur: Mein Icaro, der vier Jahre alt ist, ist auf die gleiche Weise startbar, ohne A-Leinen, ohne Vorwind, sogar auf flachen Hängen. Nur würde ich ihn trotzdem nicht als Startautomaten bezeichnen, wie dies z.B. ein Arriba 1 oder ein Bibeta 2 darstellt. Bei diesen Schirmen kann ich in einem weiten Bereich an Bedingungen, was sowohl Vor- als auch Seitenwind in unterschiedlichen Stärken angeht, starten und der Schirm stabilisiert sich praktisch selbst, kommt gerade hoch und benötigt wenig Beachtung.

Christoph Trendel hat gesagt…

Hallöchen,
hab den Atlas jetzt seit nem Jahr. Habe ziemlich genau dieselben Erfahrungen mit den Schirm gemacht, wie Du.

Habe mit dem Atlas allerdings das Proble, dass ich ihn bei stärkerem Wind nicht gerne auspacke, da meiner dazu neigt sich bei solchen Bedingungen selbständig zu machen, sprich: die Kappe steigt gerne mal in einem unbeobachteten Moment vom Boden Weg und will deshalb aktiv unten gehalten werden -permanent!
Ist mir mit den Schirmen die ich bisher hatte so nie begegnet...