Schirmtest: Niviuk Hook 3

Der sechste Schirm meiner diesjährigen Testreihe neuer Highend EN-B Modelle ist der Hook 3 von Niviuk. Weitere Schirme im lu-glidz-Test waren der Skywalk Chili 3Mac Para Eden 5, U-Turn Blacklight, Nova Mentor 3 und Swing Mistral 7. Geflogen bin ich den Hook 3 in Größe 25 (80-100kg) mit rund 92 kg, und zwar soarend am Dreiser Weiher (Eifel) und am Finkenberg bei teils sehr kräftigem Wind. Das Gurtzeug war ein Woody Valley Peak. Mein Dank geht an Ilona Albrecht von Turnpoint, die mir den Hook 3 freundlicherweise als Testschirm zur Verfügung stellte.
Leider haben die Flugwetterbedingungen während meines Testzeitraums keinen ganz so ausführlichen Test erlaubt wie mit den anderen o.g. Modellen. Vor allem die Manövertests wurden vom Starkwind "verblasen". Die Flüge reichten allerdings aus, um den Grundcharakter des Flügels zu erfassen.


 
Groundhandling mit dem Hook 3 am Dreiser Weiher. // Foto: Markus Scheid
Der Hook 1 war das erste Modell der noch immer jungen spanischen Gleitschirmschmiede Niviuk, die sich seither als echte Größe im Schirmbau mit Leistungsanspruch etablieren konnte. Die Peak- und Icepeak-Reihe an Wettbewerbsschirmen sorgt für Furore und gute Platzierungen. Und für den Hook 3 verspricht Niviuk, einiges an Bautechniken und Charakter dieser Hochleister in die EN-B-Klasse portiert zu haben, ohne den Piloten damit zu überfordern. Zumindest letzteres ist für den Piloten in der Luft schnell spürbar: Der Hook ist unter allen bisher getesteten EN-B-Modellen der Schirm, mit der größten, manchmal schon ein bisschen unheimlichen Flugruhe. Aber dazu später mehr.

Im Gegenlicht zeigt sich der komplexe Innenaufbau des Hook 3.
Die Konstruktion des Hook 3 stellt in vielen Details einen sehr guten Kompromiss zwischen Leistungsdrang und Alltagstauglichkeit dar. Der Schirm hat bei 50 Zellen eine Streckung von 5,4. Der Leinensatz mit A+B+C-Ebene ist durchweg ummantelt. Nur die oberste, relativ kurze Galerie-Ebene liegt "blank" auf dem Tuch. An den Stabilo-Leinen hängen tatsächlich nur die Stabilos.
In der Eintrittskante spannen lange, relativ starre Stäbchen das Profil. Sie reichen an Ober- wie Unterseite rund 40 Zentimeter tief ins Segel. Auf lange C-Wires wie beim EN-C-Modell Artik hat Niviuk allerdings verzichtet. Dafür sorgt in der Kappe ein ausgeklügeltes System an Diagonalrippen und Querzugbändern für die ausgewogene Spannungsverteilung. Das ganze ist zudem noch gewichtsoptimiert. In der Größe 25 bringt der Hook 3 knapp 5 kg auf die Waage.

Starten: Beim Starten verhält sich der Hook 3 vorbildlich. Die ummantelten Leinen fallen leicht auseinander und zeigen keine Kringeltendenz. Beim Aufziehen ist es ratsam, nur die inneren A-Gurte zu greifen, sonst kann der Schirm auch schon mal mit den Ohren voran steigen und erst später in Form schnalzen. Der Schirm braucht einen steten, aber nur leichten Zug, um durchgängig aufzusteigen. Dann klappt sogar eine Vorwärtsstart mit leichtem Rückenwind ohne Probleme. Wer zuviel zieht, dem wird die Kappe allerdings im letzten Drittel deutlich vorschießen. Bei Starkwind empfiehlt es sich, den Hook über A+C-Ebene zu kontrollieren, was hervorragend funktioniert. Auch der Kobrastart ist einfach. Hier zeigt sich schon das gute Ansprechen auf die Bremse.

Landen: Die Landung mit dem Hook ist einfach. Er lässt sich nicht ganz so elegant ausflaren wie ein Mentor oder Mistral, dafür lässt er sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Ein wenig Vorsicht sollten Piloten walten lassen, die es gewohnt sind, für eine Landung gleich noch einmal zu wickeln. Der Hook 3 hat nicht die größten Zug-Reserven auf der Bremse, d.h. er reißt im Klassenvergleich eher früh ab.

Bremsen: Der Hook 3 hat von Anfang an einen relativ hohen Bremsdruck, der noch dadurch verstärkt wird, dass die Bremsrollen (zumindest bei meinem Tester) nicht die leichtgängigsten sind. Für längere Flüge muss ein Pilot schon ein bisschen Kondition in den Armen mitbringen. Allerdings sind im Normalflug keine großen Bremsausschläge nötig. Zum einen weil die Kappe schon vieles wegschluckt, zum anderen weil die Bremse schon früh wirksam wird. Der größte Teil der Fliegerei mit dem Hook können mit 30 bis 40 cm Bremsweg absolviert werden. Auch der Strömungsabriss kommt vergleichsweise früh, ohne einen sehr deutlichen Bremskraftanstieg. Hier ist Vorsicht geboten!

Kappenfeedback: Der Hook 3 ist absolut kein Plappermaul. Die harte Kappe arbeitet nur wenig in sich und schluckt viele kleinere Luftbewegungen einfach weg. Das wirkt so, als wäre irgendwo zwischen Schirm und Pilot ein Filter eingebaut, der auch noch zeitverzögert arbeitet. Wer gerne von seinem Schirm viele Details über die durchflogenen Luftmassen erfahren will, der wird vom Hook enttäuscht sein. Wer auch beim Fliegen darauf schwört, dass in der Ruhe die Kraft liege, für den ist der Hook schon eher das Richtige. Die meisten der spärlichen Informationen werden über die Tragegurte nach unten weitergegeben.
Etwas irritierend fand ich das Gefühl, dass der Schirm mit seinen Luftmeldungen irgendwie etwas hinterher hinkt. Das lässt dem Piloten unter Umständen weniger Zeit, auf mögliche Klapper vorsorglich zu reagieren. Einige kleinere Störungen kamen bei meinen Testflügen sehr unvermittelt. Ob deshalb die enorme Ruhe des Hook 3 als etwas "trügerisch" anzusehen ist, müsste eine längere Praxiserfahrung zeigen. Mein Testzeitraum war dafür zu kurz.

Gewichtssteuerung: Keine ausgeprägte Stärke des Hook 3. Die Kappe reagiert relativ langsam auf Gewichtsverlagerung im Gurtzeug. Ein Aufschaukeln ohne Bremseinsatz verlangt einen langen Atem und genaues Timing. Im Grunde kann man den Schirm fast ohne Gewichtsverlagerung fliegen.

Kurvenflug: Trotz der mauen Ansprache auf die Gewichtsverlagerung lässt sich der Hook 3 über die Bremse sehr angenehm und nahezu verzögerungsfrei auf Kurvenbahnen bringen und halten. Bei diesem Manöver macht der Schirm richtig Spaß, zumal er wirklich alle Schräglagen mühelos beherrscht. Der Hook neigt nicht zum Graben, muss also nicht ständig über die Außenbremse gestützt werden. Auch ohne weitere Tricks anwenden zu müssen, geht das ganze mit einem erstaundlich geringen Kurvensinken einher.

Thermikeigenschaften: Die sehr homogene Kurvencharakteristik macht den Hook 3 auch zu einem angenehmen Thermikkurbler. Vor allem in gleichmäßigen Bärten macht es Spaß, sich mit nahezu eingehakter Bremsstellung ohne große Korrekturen konstant nach oben zu korken. Auch in zerrissenen Bärten ist man mit dem Hook 3 gut beraten, möglichst wenig nachkorrigieren zu wollen. Das schon erwähnte verzögerte Kappenfeedback macht es dem Piloten eh schwer, just-in-time zu reagieren. Eine Verzögerung zeigt sich auch gelegentlich beim Einfliegen in die Thermiken. Der Schirm stellt sich nicht stark auf, bleibt aber dennoch etwas hängen. Von den Steigwerten her sehe ich den Hook im Mittelfeld seiner Klasse.

Beschleuniger: Der Hook hat eine Trimmgeschwindigkeit von ca. 38 km/h. Der Beschleuniger ist vergleichsweise leicht zu treten und bietet v.a. in der ersten Hälfte einen Geschwindigkeitszuwachs von 6 km/h ohne große Einbußen im Gleiten. Max-Geschwindigkeit um 50 km/h. Auch bei Vollgas bietet der Hook 3 noch immer eine enorme Laufruhe.

Ohren anlegen: Die Ohren sind nicht besonders groß und auch nicht besonders effektiv. Gelegentlich neigen sie dazu zu schlagen. Zudem "wollen" sie gerne öffnen. Kein Parademanöver.

Steilspirale: nicht geflogen

B-Stall: nicht geflogen

Frontklapper: nicht geflogen

Seitenklapper: nicht geflogen. Zwei kleinere Klapper (nicht selbst provoziert) gingen ohne Richtungsänderung schnell wieder auf.

Nicken: Die Kappe hat eine hohe Pitchstabilität. Man braucht drei Oszillationen, um den Schirm ordentlich vor den Piloten schießen zu lassen. Das Abfangen geht vorbildlich.

Rollen: Nur über Gewichtsverlagerung schwer möglich. Aber mit Bremseinsatz entwickelt der Schirm schnell eine große Dynamik.


Packen: Der Schirm lässt sich mit den relativ starren Stäbchen schnell Zelle auf Zelle zusammen raffen. Dafür ist nicht zwangsläufig eine Zellenpacksack nötig. Bei Bedarf lässt sich ein erstaunlich kompaktes Packmaß erzielen. Um die Stäbchenenden aber etwas mehr zu schonen, ist eher eine etwas längere Faltung empfehlenswert.

Umsäumte Diagonalrippen und freie Nähfadenschlingen.
Qualität: Hier zeigt Niviuk Höhen und Tiefen nebeneinander. Der bautechnische Aufwand im Schirm ist hoch. Selbst die vorderen Diagonalrippen sind vorbildlich gesäumt, um hier einer Dehnung vorzubeugen. Das Nahtbild von Schirm, Leinen und Gurten ist gut. Allerdings waren bei meinem Tester auch ein paar Nähfehler (freie Schlaufen des Nähgarns) sichtbar. Es war an keinen lasttragenden Stellen, aber es erstaunt schon, dass so etwas Offentsichtliches der Qualitätsprüfung entgeht.

Fazit: Der Hook 3 ist ein interessanter Schirm für Piloten, die weniger auf einen sportlichen Charakter als auf eine hohe Flugruhe Wert legen. Ob man das als Stärke oder Schwäche auslegen will, ist Geschmackssache. Von seinem Anspruch an den Piloten her ist er eher im mittleren als im High-End Bereich des B-Sektors einzuordnen, bietet aber dennoch ansprechende Leistung und Agilität. Hier ist er mit MacParas Eden 5 vergleichbar. Herausragend ist sein sehr hogomenes Kurvenhandling über die Bremse. Ein echter Allround EN-B.


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2 Kommentare:

Hans hat gesagt…

Danke für Deine Testeindrücke, Lucian, die sich mit meinen decken. Der Schirm ist optisch sehr schön, ansonsten braves Mittelmaß ohne tieferen Charakter. Interessante Details wie die gelungenen Magnetclips korrespondieren mit schlampiger Verarbeitung teils im Innenleben. Da gibt es Hersteller, die das erheblich besser können (wollen?).

Mir gefällt, dass Du auf solche Details wie das Innenleben eingehst, denn hier (und woanders) entscheidet sich, ob ein Schirm nach 50 Stunden noch derselbe ist wie im Neuzustand.

"Allrounder" ist die richtige Bezeichnung für einen guten, aber nicht rundum überzeugenden Schirm.

Seine Flugruhe wird ihm (wie dem Epsilon 7, der ein ähnliches Ziel verfolgt, es aber nachvollziehbarer vermittelt) Freunde vermitteln.

Hans




Anonym hat gesagt…

IHallo Hans, was meinst du mit ' der Epsilon 7 vermittelt die Laufruhe nachvollziehbarer' ?
Grüsse, Marion Karczewski