Schirmtest: Aircross U Cruise

Der Aircross U Cruise kombiniert hohen Leistungsanspruch mit dem Flugkomfort einer gut gefederten Limousine. Sein Name ist also Programm. 
Der Aircross U Cruise im Sonnen-"Röntgenblick". Vier Querzugbänder und breite Diagonalen sorgen
für eine spürbar homogene Spannungsverteilung im 65-Zeller - aber auch für spürbares Gewicht.

Die im folgenden beschriebenen Eindrücke zum Aircross U Cruise habe ich in zehn Flug- und Groundhandlingstunden unter unterschiedlichen Bedingungen in der Eifel sowie im Zillertal gewonnen. Geflogen bin ich den U Cruise in der Größe M (75-100 kg) mit rund 94 kg Startgewicht. Das Gurtzeug war ein Karpofly Extra Light (Liegegurtzeug). Der Schirm wurde mir für den Test freundlicherweise von Aircross zur Verfügung gestellt.

Aircross steht seit Jahren für Flügel mit einem ganz eigenen Charakter. Lange Zeit waren die Konstruktionen geprägt von den Ideen des Franzosen Hervé Corbon alias Gibus, der sich viele Gedanken dazu machte, wie sich die weiche Stoffhülle eines Gleitschirms durch ausgeklügelte Strukturen im Inneren formstabiler gestalten ließe. Ihm war klar: Eine zusätzliche Steifheit der Flügel verbessert deren Leistung und auch deren Kontrollierbarkeit, vor allem in bewegter, turbulenter Luft. Dafür nahm er es in Kauf, dass die Aircross-Schirme in der Regel zu den jeweils schwersten Kappen ihrer Klassen zählten.

Mittlerweile konstruiert Gibus nicht mehr für Aircross. Die Marke wird seit 2008 von Konrad Görg gemanagt, und der hat sich noch andere Designer ins Boot geholt, allen voran Paul Amiell. Der U Cruise ist bereits dessen dritter Schirmtyp für Aircross (nach dem EN-A U Prime und dem Mid-B U Fly 2). Dieses Mal durfte Amiell zeigen, was er an Leistung in einen High-B-Schirm zu konstruieren vermag. Das Konzept, so viel sei schon mal verraten, steht eindeutig in der von Gibus geprägten Aircross-Tradition: Eine ausgeklügelte Innenstruktur für viel Rigidität und Leistung, während der Flügel dem Piloten ein starkes Gefühl von Ruhe und Sicherheit vermittelt.

Der Stabilo des U Cruise wird von einem rundum
laufenden Kunststoffstäbchen in Form gehalten.
Der U Cruise kommt mit einigen technischen Lösungen daher, die in ihrer ambitionierten Ausprägung in diesem Segment herausstechen. 65 Zellen sind ein neuer Rekord im klassischen EN-B-Bereich (den exklusiven 99-Zeller Phantom von Nova nicht mitgerechnet). Der Schirm besitzt eine gut ausgeprägte Shark Nose, verbindet diese allerdings mit leicht oval, vor allem aber mit im Klassenvergleich wiederum rekordverdächtig schmal geschnittenen Eintrittsöffnungen. Ein Novum für einen EN-B ist auch die Ausformung der Stabilos. Die äußerste Zelle des Schirmes auf jeder Seite wird rundum von Stäbchen geformt und ausgesteift, was einen aerodynamisch sehr sauber stehenden Außenflügel ergibt. Vier Querzugbänder über die ganze Kappenbreite plus sehr breit geschnittene Diagonalen, die fast die gesamte Flügeltiefe abstützen, sind in Zeiten, da andere Hersteller auf gewichtssparenden Minimalismus setzen, ebenso auffällig. Dass aus all dem ein Kappengewicht von knapp unter 6 kg für die getestete M-Größe resultiert, was mindestens ein halbes bis ein Kilogramm mehr bedeutet als bei den typischen Konkurrenten (z.B. Mentor 4, Iota, Rook 2, Nyos, Base, Rush 4), mag der eine vielleicht beklagen, der andere aber Aircross zugute halten. Zumindest ist es interessant zu sehen, dass nicht alle Hersteller sich dem Diktat des Leichtbaus unterordnen. Wie sich das Ergebnis in der Luft anfühlt, ist im folgenden beschrieben.


Beim freihändigen Aufziehen des U Cruise zeigt der Schirm eine
leichte Tendenz, in der Mitte abzuknicken. So etwas kann auch
beim Vorwärtsstart passieren, wenn man die Kappe nicht
betont bogenförmig auslegt.
Starten: Fangen wir gleich mit der größten Schwäche des U Cruise an. Diese Kappe ist kein guter Nullwindstarter. Sie ist vergleichsweise schwer, die Eintrittskante wird zwar von gekreuzten Stäbchen mit Shark-Nose aufgespannt, liegt aber wegen eher kurzer Stäbchen am Obersegel sehr flach im Wind. Die extrem schmalen Eintrittsöffnungen fassen so nur verzögert Luft. Wo andere Schirme nach zwei Schritten schon sauber zu steigen beginnen, ist der U Cruise noch in der Füll- und Formfindungsphase. Entsprechend länger wird die Laufstrecke, die man braucht, um den Schirm nach oben zu führen. Und wehe, man lässt den Zug zu früh nach, dann fällt alles wieder müde nach hinten! Hier sind Geduld und Entschiedenheit gefragt. Kurze, flache Bergstartplätze werden da schnell einmal zur Herausforderung. Das gilt - wie gesagt - bei Nullwind.
Steht ein angenehmer Startwind an, ja selbst wenn dieser sehr stark bläst, kehren sich all diese negativen Eigenschaften um. Man muss sich beim U Cruise nicht sorgen, ständig eine aufsteigewillige Kappe bändigen zu müssen. Der Schirm hockt einfach da, bis man ihn mit einem leichten Impuls zum Steigen auffordert. Bei Wind füllt der Schirm ausreichend schnell, steigt dann als Einheit sehr spurtreu, gut kontrollierbar und ohne Hast, bleibt im Zenith willig stehen. Will man abbrechen, nimmt man nur kurz den Zug von den A-Leinen. Es gibt nur wenige Schirme in dieser Klasse, die sich bei Starkwind so kontrolliert starten lassen.
Die allgemeinen Startvorbereitungen sind einfach. Die Leinen fallen gut auseinander. Die voll ummantelten Stammleinen lassen sich farblich gut unterscheiden (A/B/C, rot/blau/gelb, Stabilo: grün). Und selbst die vergleichsweise dicken, mantel-losen Galerieleinen aus braunem Aramid sind übersichtlich und neigen nicht zum kringeln.

Landen: nichts auffälliges.

Bremsen: Der U Cruise hat einen erstaunlich langen Vorlauf für einen High-B. Erst nach 10-15 cm Zug tut sich etwas an der Hinterkante. Der Bremsdruck ist von Anfang an recht hoch und steigt dann weiter an. Die Steuerposition im Flugalltag ist – dem langen Vorlauf entsprechend – etwa tiefer als bei anderen Schirmen dieser Klasse. Der eigentliche Arbeitsbereich, der dann für die effektive Steuerung benötigt wird, ist aber wiederum angenehm kurz. Weitere 10-15 Zentimeter reichen aus, um den Schirm in fast allen Fluglagen zu pilotieren. Mit einer halben Wicklung geflogen, liegt das alles noch im Zugbereich des Krafteinsatzes. (Anm.: Angesichts des langen Vorlaufes sollte es meiner Erachtens kein Problem darstellen, die Bremse des U Cruise ein wenig kürzer einzustellen, wodurch der Schirm sogar die Bremscharakteristik eines typischen EN-C bekäme.)

Der verspielt-ausgefranste Schriftzug des U Cruise
passt typographisch eigentlich gar nicht zum Charakter
 des Schirms. Der Name hingegen ist Programm. 
Kappenfeedback: Der Kappe des U Cruise ist eine gut gespannte Einheit mit hoher Dämpfung. Sie zeigt dem Piloten vergleichsweise wenig an von dem, was an Feinbewegungen in der Luft lost ist. Die Tragegurte sind der einzige Kanal, der nutzbare Infos liefert. Über die Bremse erfährt man kaum etwas über den Zustand der Kappe. Nur wenn die Spannung der Hinterkante bei kleinen Ohrenklappern abfällt, was selten vorkommt, bekommt man das andeutungsweise auch über die Bremse mit.

Gewichtssteuerung: Der U Cruise regiert gut auf Gewichtseinsatz, ohne nervös zu wirken oder übertrieben zu rollen. Schon allein mit Gewicht lässt er sich gut auf Kurvenspur halten.

Kurvenflug: Der U Cruise glänzt mit einem sehr drehwilligen, aber niemals nervösen Verhalten. Der Schirm beherrscht alle Schräglagen gut, auch wenn er bevorzugt flach dreht. Er lässt sich aber ohne weitere Tricks in engen Steilkurven halten, zeigt keine Tendenz zum Graben. Die Kappe liegt immer satt in der Kurve, selbst wenn man das Gewicht zur Optimierung in schwächsten Aufwinden auf die Außenseite legt. Eine solche Vielseitigkeit in der Kurvenkontrolle zeigen nur wenige andere Schirme dieser Klasse.

Thermikeigenschaften: Das angenehm konstante Kurvenverhalten überträgt sich auch aufs Thermikfliegen. Einmal in den Aufwind gestellt, braucht der U Cruise nur wenige Korrekturen und führt diese, wenn doch mal nötig, sehr willig aus. Zum Nachdrücken reicht ein wenig Innenbremse plus Gewichtseinsatz. Es empfiehlt sich, den Schirm beim Thermikkreisen mit offener Außenbremse zu fliegen und nur bei Bedarf impulsweise einzugreifen.
Beim Ein- und Ausfliegen aus Thermiken verhält sich die Kappe neutral. Die spürbare Nickdämpfung, die auch aus den verhältnismäßig langen Leinen resultiert, zwingt den Piloten selten einmal zu heftigen Abfangbewegungen. Selbst in sehr starken Thermiken vermittelt der Schirm dem Piloten so ein angenehmes Gefühl von Souveränität.
Nicht ganz so gefällig zeigt sich der U Cruise in sehr schwachen Aufwinden. Durch die starke Dämpfung der Kappe wird es unerfahrenen Piloten schwer fallen, das nötige Gefühl für ein sauberes Zentrieren zu entwickeln. Da muss man schon sehr fein hinspüren. Ein gutes, empfindliches Vario kann dieses Manko teilweise kompensieren helfen. Dennoch würde man sich hier häufiger eine etwas differenziertere Rückmeldung wünschen.  Der Schirm kompensiert diese Schwäche allerdings ein wenig mit seiner geradezu stoischen Kurvenlage. Aus einem einmal gepackten Schlauch lässt sich der U Cruise nicht so schnell wieder abdrängen, auch wenn es sich um eine stark versetzende Nullschieber-Flachlandblase handelt.

Im beschleunigten Flug lässt sich der U Cruise auch gut über die
C-Ebene kontrollieren. Der Tragegurt weist allerdings keine
speziellen C-Handles auf. Man kann direkt an den
Leinenschlössern greifen.
Beschleuniger: Der Beschleuniger des U Cruise ist mit seinen kugelgelagerten Harken-Rollen angenehm leicht zu treten. In der zweiten Stufe erhöht sich der Druck ein wenig. Der Geschwindigkeitszuwachs ist durchaus imposant. Schon halb beschleunigt legt der Schirm 8 km/h zu, voll beschleunigt sind es dann 15 km/h. Damit gehört der U Cruise zu den schnellsten Vertretern der EN-B-Klasse. Das Geschwindigkeitsfenster ist auch gut nutzbar. Selbst bei Full-Speed liegt der Schirm sehr satt, spurtreu und ohne störendes Rollen in der Luft. Da wird der Name zum Programm: Ein echter Cruiser, dessen Durchzug und Flugruhe im Speed auch großen Streckenabenteurern gefallen dürfte.
Am Tragegurt gibt es keine speziellen C-Handles für die Steuerung über die C-Ebene. Ich habe diese aber auch nicht vermisst. Zum einen lässt sich der U Cruise sehr gut an den Leinenschlössern greifen. Zum anderen sorgt die hohe Nickstabilität und Steifigkeit der Kappe dafür, dass man selten einmal stärker über C eingreifen muss. Meistens reichen sehr kleine Inputs aus, um die Kappe offen und auf Spur zu halten.

Ohren anlegen: Die Ohren des U Cruise lassen sich über die geteilten A-Gurte einfach ziehen. Die Außenflügel entleeren gut und legen sich sauber an die Leinen an. Löblicherweise gibt es kein störendes Schlagen! Allerdings neigen die Ohren dazu, bei der Ausleitung erst einmal beharrlich drin zu bleiben. Ähnlich wie beim Mentor 4 müssen sie mit deutlichem Nachdruck aufgepumpt werden.

Steilspirale: Die Steilspirale ist beim U Cruise schon ein recht anspruchsvolles Manöver. Der Schirm kippt etwas verzögert ab, entwickelt dann aber ordentlich Wumms. Ungeübte sollten sich vorsichtig rantasten, um nicht überrascht zu werden. Die G-Kräfte in der Spirale sind hoch. Der U Cruise zeigt auch keine direkte Aufrichtetendenz und dreht gerne etwas nach. Die Spirale sollte deshalb lieber etwas früher und auch aktiv ausgeleitet werden.

Frontklapper: nicht gezogen.

An der Eintrittskante trägt der U Cruise die schmalsten
Zellöffnungen seiner Klasse.
Seitenklapper: Ich habe mittlere Klapper bis 60% gezogen (nur unbeschleunigt). Der Schirm sperrt sich gegen das Unterschneiden, ist recht schwer einzuklappen und zeigt einen deutlichen Vorbeschleunigungseffekt des Profils. Die Knicklinie bleibt dennoch vergleichsweise flach. Der Schirm dreht nur langsam ab, schießt aber überraschend weit vor. Die Öffnung erfolgt verzögert. Besonders der Außenflügel bleibt gerne etwas hängen und verlangt, wie bei der Ausleitung der Ohren, ein aktives Aufpumpen. Hierzu tragen sicher die schmalen Zellöffnungen bei, die nicht so einfach Luft schnappen, wenn sie nicht perfekt in der Strömung stehen. Zudem sind die sieben äußersten Zellen jeder Seite komplett geschlossen.
Beim langsamen Öffnen können die Stäbchen auch spür- und hörbar an den Leinen entlang "hakeln".

Nicken: Der U Cruise lässt sich über die Bremsen leicht aufschaukeln. Er zeigt dann ein recht energisches, aber nicht übertrieben weites Vornicken. Hier zeigt sich der dämpfende Effekt der langen Leinen, der effektive Nickwinkel bleibt im erträglichen Rahmen.

Rollen: Der U Cruise lässt sich relativ leicht und gut kontrolliert aufschaukeln, ohne gleich extreme Ausschläge zu zeigen. Auch hier zeigt sich der Effekt der längeren Leinen. Bei richtig hohen Windovern steckt allerdings auch entsprechend viel Pendelenergie im System. Dessen muss man sich bewusst sein, bevor man allzu beherzt an den Steuerleinen reißt.

Packen: Mein Testschirm wurde mit einem normalen Innenpacksack geliefert. Allerdings würde ich dringend die Anschaffung eines Zellenpacksackes für den U Cruise empfehlen. Die verwendeten Stäbchen sind relativ dünn, steif und deshalb knickempfindlich. Da sie zudem bis in den Stabilo hinein reichen, benötigt das Packen schon etwas mehr Aufmerksamkeit, um keine ungewollten Knicke zu verursachen. Das Packmaß des Schirmes liegt etwas über dem Durchschnitt, sollte aber mit den üblichen Rucksäcken und Wendegurtzeugen kompatibel sein.

Der Außenflügel des U Cruise steht, von Stäbchen
gestützt, sehr sauber. Zusammen mit dem Setup
der Stabiloleine erhöht das aber das Risiko,
dass Verhänger schwerer lösbar sind.
Qualität: Hier zeigt Aircross zwei Gesichter. Der U Cruise ist zum einen erkennbar auf Stabilität und Werthaltigkeit ausgelegt. Angenehm zu fassende Bremsgriffe, gute Rollen, ein unempfindlicher, vergleichsweise dicker Leinensatz, schön eingefasste Kanten...
Auf der anderen Seite fallen auch ein paar Unschönheiten auf: Manche Designübergänge im Segel sind nicht ganz sauber gelöst, die Stäbchen sind fest eingenäht und können nicht einfach getauscht werden (was gerade angesichts des steifen Materials wünschenswert wäre). Einige Leinen sind etwas scharfkantig abgelängt, und an den Stabilos fehlen Öffnungen zur Sand- und Laubentleerung, was gerade angesichts des stark verschlossenen Außenflügels negativ auffällt.
Aus Sicherheitsgründen bin ich auch kein Freund von Stäbchenversteifungen bis in den Stabilo hinein, so leistungsfördernd diese Bauweise auch sein mag. Beim U Cruise sind die Stabilo-Zellen sogar einmal rundum per Stäbchen versteift. Die Stabilo-Leine wiederum stützt die äußersten vier Zellen. Ein solches Leinensetup (gerade gepaart mit den Stäbchen im Außenflügel) erhöht das Risiko, dass Verhänger schwerer zu lösen sein könnten.

Fazit: Aircross präsentiert mit dem U Cruise einen Schirm, der seinem Namen alle Ehre macht. Wie mit einer schweren, laufruhigen Ami-Limousine cruist man damit durch die Lüfte. Die 65 Zellen wirken wie ein Motor mit ordentlich Hubraum. Die Kappe zeigt Durchzugsstärke und Spurtreue, braucht sich aber auch beim Kurven- und Thermikhandling nicht hinter der Konkurrenz zu verstecken. Seine geringe Sensibilität in schwacher Thermik verlangt allerdings ein feines Popometer. Der U Cruise ist ein leistungsstarker Schirm, mit dem man entspannt auf die Langstrecke gehen kann. Wer freilich gerne mal Hike&Fly machen, wer bisweilen an nicht so optimalen Startplätzen mit Null- oder gar Rückenwind starten möchte, der dürfte mit dem U Cruise nicht so glücklich werden. Vom Pilotenanspruch her ist der U Cruise eher etwas für ambitionierte Streckenjäger und dürfte gerade auch C-Klasse-Rücksteiger ansprechen.


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