Get up, fall down

Gurtzeuge, bei denen Bein- und Frontgurte eine Einheit bilden (Get-Up-System) bergen ein erhöhtes Risiko: Versagt ein Verschluss, kann der Pilot direkt aus dem Gurtzeug fallen.

Öffnet das Getup-System einseitig, gibt es für
den im Landeanflug aufgerichteten Piloten
kein Halten mehr.
// Quelle: Youtube, J. Nuber
Vor über einem Jahr beschäftigte das "Gurtschließen-Debakel" die Gleitschirmszene. Damals hatte Finsterwalder eine Sicherheitsmitteilung für zwei Typen von Gurtschließen veröffentlicht, die in vielen (älteren) Gurtzeugen verwendet wurden. Viele Gurtzeug-Hersteller mussten daraufhin ihrerseits Produkte grounden und überarbeiten (zum Gurtschließen-Debakel sind damals insgesamt 13 Posts auf Lu-Glidz erschienen). Die Diskussionen rund um das Thema beschäftigten sich allerdings hauptsächlich mit dem Material, also den Schließen, und weniger mit der Art und Weise, wie diese in den Gurtzeugen Verwendung finden. Doch jetzt zeigt sich: Die Auswirkung eines Versagens kann stark davon abhängen, welche Beinschlaufen-Geometrie ein Gurtzeug verwendet.

Viele Gurtzeuge besitzen heute das sogenannte Get-up-System, bei dem Bein- und Frontgurte zusammengefasst sind und eine Einheit bilden. Beim Anlegen des Gurtzeugs müssen nur zwei Schließen geschlossen werden. Das erleichtert das Handling, könnte aber im Fall des Versagens einer Gurtschließe deutlich gravierendere Folgen haben, als bei alternativen Systemen, die auf getrennte Beingurte setzen.

Im Rahmen einer interessanten Diskussion um Vor- und Nachteile von Get-up-Systemen im Gleitschirmdrachenforum machte Jörg Nuber einen beeindruckenden Selbstversuch. Er hängte sich mit einem Gurtzeug mit Get-up-System in den Simulator, richtete sich wie im Landeanflug auf, legte dabei viel Gewicht in den Frontgurt und öffnete dann einseitig eine der Gurtschließen. Dabei filmte er den Vorgang mit seiner Handykamera. Das Ergebnis (Youtube) dürfte für viele schockierend sein.

Das plötzliche einseitige Nachgeben des Frontgurts führt dazu, dass Jörg sofort den Halt verliert und mit Schwung aus dem Gurtzeug rutscht. In der Luft hätte er keine Chance mehr gehabt, eine solche Situation heil zu überstehen, zumal der verbleibende einseitige Zug am Gleitschirm (Festhalten an nur einem Tragegurt), das ganze System noch instabiler machen würde.

Solche Unfälle soll es in der Praxis schon gegeben haben, wenn sie auch extrem selten vorkommen. Jörgs Video könnte dazu beitragen, dass in nächster Zeit verstärkt über das inhärent größere Risiko von Get-up-Gurtzeugen diskutiert wird, und wie dieses verringert werden kann.

Zugleich sollten alle Piloten solche Videos als wertvolle Erinnerung nehmen, vor jedem Start den korrekten Verschluss aller Schließen sehr gründlich und durch Zug und Rütteln an den Gurten zu prüfen – und zwar egal mit welchem Gurtsystem sie unterwegs sind. Das plötzliche Öffnen eines Frontgurtes im Landeanflug, bei dem sich der Pilot in Vorlage befindet, dürfte auch mit einem T-Lock-System nicht ungefährlich sein.

Das Video ist auf Youtube zu sehen:




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9 Kommentare:

Georg Wehrle hat gesagt…

Interessanter Selbstversuch,hätte gerne noch das Verhalten mit geschlossenem Cockpit gesehen,diese beinhaltet noch eine zusätzliche Herausfallsicherung.
Georg

Gianni Seghers hat gesagt…

Wer so fliegt oder landet soll nicht in der Luft unterwegs sein...

Gulu Mbulu hat gesagt…

Tja Herr Seghers, dann machen Sie doch mal bitte ein Video in dem Sie die korrekte Position im Landeanflug darstellen und öffnen dann ebenfalls einseitig Ihr "Get-Up" Gurtzeug! Am Ergebnis bin ich sehr interessiert, wenn doch ein Profi der alles korrekt macht einmal soetwas zeigt!

Gruß

Sascha Hornbach

Anonym hat gesagt…

Aus diesem Grund und wegen den Kräften im asym. Sat habe ich zu den Schließen parallel 2 Gurte als “O” genäht, welche ich blitzschnell in die Hauptkarabiner einhänge bevor der Schirm angehängt wird. Total simpel, leicht und effektiv. Bei Versagen eines Verschluss würde mein Brustgurt lediglich 3cm breiter werden. Also jede Gefahr gebannt.

Aber vor 15 Jahren waurde ich schon belächelt, weil,ich ein Rückholgummisystem für meinen Beschleuniger montierte... heute Standard.

Gruß Markus Rüdisser

chris hat gesagt…

Ich frage mich, wieso Fensterschließen eigentlich nur in "Leicht-Gurtzeugen" verbaut werden? Gibts irgendeinen erwiesenen Nachteil?

Meiner Meinung nach sind die Teile ideal, funktionieren bei Wärme/Kälte, keine wirkliche Technik/Mechanik dahinter, und die können sich auch nicht unbeabsichtigt im Flug öffnen.

LG

JN hat gesagt…

Ich muss vielleicht ergänzen, dass ich das Video nur aus reiner Neugier gemacht und ein Worst-Case-Szenario ausprobiert habe, wie es bei einem GZ ohne Cockpit, recht lockeren Schultergurten und einer Lehrbuchmäßigen Vorlage passieren könnte. Wenn man ein stabiles Cockpit wie bei den aktuellen Beinsackgurten hat, sieht die Sache schon ganz anders aus.

JN hat gesagt…

Zu den Fensterschließen: Die gehen halt auch nicht auf, wenn sie im Notfall sollen (z. B. Wasser-/Baumlandung etc.). Deshalb würde ich keine wollen.

JN hat gesagt…

@ Gianni: Es ging mir in dem Video nicht darum, meine reelle Landehaltung nachzustellen. Vielmehr habe ich die Haltung eingenommen, die offizielle Lehrmeinung ist und so gelehrt und bei der Prüfung (inkl. Tandem- und Fluglehrerprüfung) gefordert wird. Dies in Kombination mit einem offenen Cockpit (gibt ja Gurte ohne) und lockeren Schultergurten ergibt diese ungünstige Konstellation.

Urs hat gesagt…

Abgesehen vom Sicherheitsaspekt ist das get-up System beim Groundhandling ein absolutes no go und wer damit schon mal einen Retterabgang hatte, wird sich so ein Gurtdesign nie mehr antun.